
Heutzutage machen einige Zeitgenossen die " Entdeckung der Langsamkeit ", vor nicht einmal hundert Jahre war es die " Entdeckung der Geschwindigkeit " , wie das folgende Lied verdeutlicht, das etwa um 1900 entstanden sein dürfte. Gefunden habe ich es im Liederbuch der freien Turner (1913):
Lied eines Unmodernen
Wie ist es doch im Mühlengrunde so einsam heute und so still Ob denn in schöner Morgenstunde kein Mensch mehr richtig wandern will Wo seid ihr, die ihr früher walltet den schmalen, waldumsäunten Pfad Ach ja, das Wandern ist veraltet man geht nicht mehr, man fährt jetzt Rad
Die Zeiten haben sich geändert der Pfad ist längst nicht mehr beliebt Landstraßen, pappelbaumgerändert sind´s, denen man den Vorzug gibt Dort pflegt in pumpiger Behosung so jung wie alt den Radfahrsport "nur möglichst weit"ist ihre Losung "nur möglichst grad und eben fort!"
Und kreuze ich auf meinem Pfade die breite Straße dann und wann so schauen mich von ihrem Rade die Damen voller Mitleid an weil ich von aller Fortbewegung gewählt die kümmerlichste Art O seid bedankt für diese Regung die euere Güte offenbahrt
Ich liebe nun einmal zu pflücken die Blume, die am Hang sich wiegt und nach dem Steine mich zu bücken der glitzernd an der Heide liegt In rechter Nähe zu besehen den Schmetterling auf schwankem Ast nach Wasserkäfern auszuspähen in dunkel schillerndem Morast
Das könnt ihr nicht, ob ihr auch eilet hin durch das Land, dem Winde gleich Was die Natur ringsum verteilet an kleinen Reizen, überreich bleibt unbemerkt und unbewundert dem, den das Rad vorüberträgt ob er auch Kilometer hundert und mehr am Tag zurückgelegt
Drum mögen andre schwitzend treiben das Tretrad stolz bergab bergan ich will in alle Zukunft bleiben ein unverdross´ner Wandersmann Und allen denen, die da reisen wie ich per Pedes, gilt mein Gruß Wem Gott will rechte Gunst erweisen den schickt er in die Welt - zu Fuß!
Text: Ph. St. , Köln am Rhein Musik: nach " Sind wir vereint zur guten Stunde " in " Der freie Turner " - 1913
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